Bevor das Smartphone entstand: die Insulinpumpe als Pager (Geschichte von AutoSyringe)
Heutige Insulinpumpen werden oft mit Smartphones verglichen. Vor einigen Jahren verglich man sie mit Pagern. Und noch früher - mit gar nichts, weil solche Vergleiche nicht existierten. Die ersten Pumpen sahen genau so aus, wie sie waren: wie medizinische Experimente.
Rentschler und Nothwehr widmen der Designgeschichte viel Aufmerksamkeit. Zu Recht, denn Design ist nicht neutral. Jede Epoche erzeugt ihre eigene Form des "Vortäuschens".
AutoSyringe - die erste Pumpe
Dean Kamen (derselbe, der später den Segway erfand) patentierte AutoSyringe Mitte der 1970er Jahre. Eigentlich waren es zwei Patente: eines von 1973 für ein "medication injection device", das zweite von 1974 für ein "control device for a monitor supervising a patient". 1976 gründete er AutoSyringe, Inc., um seine Entwürfe auf den Markt zu bringen.
Was war das? Eine einfache Spritze mit Motor, eingeschlossen in einem Kunststoffgehäuse. Von außen war die Spritze sichtbar. Das Gerät versteckte seinen medizinischen Zweck nicht. Auf einem Foto aus den Jahren 1978-1984 (Associated Press) sieht man den Reporter Patrick Connolly mit einer am Gürtel befestigten Pumpe. Connolly, der seit 27 Jahren Diabetes hatte, trug dieses experimentelle Gerät. Die Pumpe wog etwa ein halbes Kilogramm. Heute wiegen Pumpen 50-80 Gramm.
Connolly starb 1984. Sein Foto mit der Pumpe ging um die Welt. Es ist eines der bekanntesten Bilder der frühen Pumpentherapie.
Die Pager-Ära
Mit der Zeit erkannten die Hersteller, dass ein medizinisches Erscheinungsbild schlecht ankommt. Die Spritze und der Motor mussten versteckt werden. So entstanden Pumpen im Stil von Pagern - klein, rechteckig, mit Display und Tasten, am Gürtel getragen.
MiniMed 508 (Ende der 1990er Jahre) und der Pager Motorola PageNet (ca. 2001) sind fast nicht zu unterscheiden. Ähnlich ist es beim Disetronic H-Tron Plus (in den USA 1991 zugelassen) und früheren Modellen. Auf einem Foto im Artikel (aus 2001) sieht man vier Geräte: zwei Pager und zwei Pumpen. Es ist kaum zu erkennen, welches was ist.
Rentschler und Nothwehr schreiben: "Visual juxtapositions draw a direct association between these insulin pumps and the design of iconic telecommunication technologies of the time". Die Hersteller machten aus dieser Inspiration keinen Hehl - im Gegenteil, sie stellten sie offensiv heraus.
Warum ausgerechnet ein Pager?
Der Pager war in den 1990er und frühen 2000er Jahren ein Symbol. Er stand für Tempo, Geschäftigkeit und Professionalität. Man trug ihn am Gürtel oder in der Tasche - genau wie eine Pumpe. Er klingelte, vibrierte und verlangte Aufmerksamkeit. Die Pumpe auch.
Die Hersteller nutzten diese Assoziation gezielt. In Schulungsmaterialien für Patienten (z.B. UC San Francisco Diabetes Education Online) liest man bis heute: "insulin pumps are the size of a pager, and fit in your pocket". Auch kanadische und britische Diabetesgesellschaften verwenden diesen Vergleich.
Das Problem: Pager sind heute nur noch ein Vintage-Kuriosum. Man kauft sie auf eBay als Requisite, nicht als funktionierendes Gerät. Und trotzdem sehen viele Pumpen noch immer wie Pager aus. Das ist keine Innovation, das ist Stillstand.
Meine Meinung
Ich finde, die Hersteller haben sich viel zu lange auf alten Erfolgen ausgeruht. Der Pager-Vergleich funktionierte vor 20 Jahren. Heute wirkt er einfach peinlich - besonders für jüngere Nutzer, die Pager nur aus Filmen kennen.
Zum Glück tauchen neue Entwürfe auf (dazu mehr in den nächsten Teilen der Reihe), aber der Fortschritt ist quälend langsam. Die meisten Pumpen auf dem Markt sehen immer noch aus wie Geräte aus den späten 1990ern...
Frühere Beiträge aus dieser Reihe:
Diskretion hat ihren Preis - wie Insulinpens vor Stigmatisierung schützen
Pens und Pumpen: wie Diabetes-Technologien ihr medizinisches Gesicht verbergen
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Diabetes als Performance - Leben unter sozialer und medizinischer Kontrolle