Tandem t:slim X2 Insulinpumpe - wenn ein Medizinprodukt an ein iPhone erinnert
Dies ist ein weiterer Artikel aus der Reihe:
"Welches Jahr haben wir?" - empörende Memes, wenn eine Pumpe wie ein Pager aussieht
Pens und Pumpen: Wie Diabetes-Technologien ihr medizinisches Gesicht verbergen
Bevor das Smartphone entstand: die Insulinpumpe als Pager (Geschichte von AutoSyringe)
Endlich haben Pumpenhersteller verstanden, dass Pager ein Auslaufmodell sind. Das neue Vorbild? Das Smartphone. Das beste Beispiel ist die Tandem t:slim X2 - eine Pumpe, die beide Autoren dieses Artikels (Carrie Rentschler und Benjamin Nothwehr) verwenden.
Der Generationenunterschied zwischen ihnen ist deutlich. Rentschler (Diagnose 1973) wechselte direkt von Spritzen zur Pumpe und übersprang Pens. Nothwehr (Diagnose 2002) begann mit Spritzen, wechselte dann zu Pens und nutzt seit 2007 eine Pumpe. Ihre Perspektiven ergänzen sich.
Die Ähnlichkeit ist fast schmerzhaft
Der Artikel enthält zwei Fotos von Rentschler. Auf einem sieht man die t:slim X2 neben einem iPhone 8 von der Seite - dieselbe Form, ähnliche Dicke, silberne Kanten, der Einschaltknopf an fast derselben Stelle. Auf dem anderen Foto sind die Bildschirme beider Geräte zu sehen: Touchscreens, hell, mit schwarzer Hülle und Schutzglas.
Rentschler und Nothwehr schreiben: "New skeuomorphic [hier: nachahmende] relationship is arguably more successful in articulating the appearance of the insulin pump to that of an aesthetically desirable communication technology in the present moment". Anders gesagt: Das Smartphone als Vorbild funktioniert besser als der Pager, weil Smartphones zum Alltag gehören. Man trägt ein iPhone in der Tasche, berührt es, schaut ständig darauf. Die Pumpe auch.
Aber der Teufel steckt in den Geräuschen
Laura Forlano, Forscherin am Illinois Institute of Technology, die selbst Diabetes hat und eine Pumpe trägt, schrieb einen viel beachteten Artikel über "hacking the feminist disabled body". In dem von Rentschler und Nothwehr zitierten Abschnitt sagt sie: "Their sounds diverge from the familiar family of Apple iPhone ringtones. They speak in tongues. The uninvited stranger at the dinner party".
Die Pumpe mag wie ein Smartphone aussehen, aber sie piept und vibriert auf eine Weise, die sofort verrät, dass es ein Medizinprodukt ist. Pumpengeräusche wirken fremd und passen nicht in unser vertrautes Repertoire an Benachrichtigungen. "They speak in tongues" - sie sprechen in Sprachen, die wir nicht verstehen. Und plötzlich beginnt diese elegante, schlanke Pumpe im schicken Restaurant zu piepen wie ein gereiztes Tier.
Rentschler und Nothwehr ergänzen: "The promise that the pump will recede from view and blend in to one's outfit through its design as a contemporary communication technology, then, may shape a visual relationship between diabetics and non-diabetics more than the embodied, sonic relationships diabetics have with their insulin pumps". Visuell also ein Erfolg. Akustisch weiterhin ein Fehlschlag.
Die Autoren erwähnen auch etwas sehr Persönliches. Beide tragen Tandem-Pumpen. Und "hearing the sonic alarm of one of our pumps, the authors of this article have on more than one occasion asked the other, is that you or me?" - mehr als einmal wussten sie nicht, wessen Pumpe gerade Alarm schlägt. Das zeigt, wie sehr diese Geräusche Teil ihrer gemeinsamen Erfahrung sind - und wie wenig sie mit der Welt der Smartphones gemeinsam haben.
Meine Meinung
Die t:slim X2 ist ein Schritt in die richtige Richtung. Endlich sieht eine Pumpe nicht mehr aus wie ein Exponat aus einem Technikmuseum. Aber das ist noch immer nur ein Kompromiss. Die echte Lösung wäre die vollständige Integration in das Benachrichtigungssystem des Smartphones - leise Vibrationen, diskrete Hinweise, anpassbare Töne. Tandem und andere Unternehmen arbeiten daran, aber bislang "sprechen" unsere Pumpen noch immer in fremden Sprachen. Noch 2021 war das Realität - und heute? Benachrichtigungen, eine Pumpe mit Farbdisplay und vollständige Steuerung per Mobiltelefon!
Mehr über seltsame Patente und misslungene Ideen - im nächsten Beitrag...
Das Foto stammt aus einer wissenschaftlichen Arbeit von Carrie Rentschler.